Gedanken zum Artikel „Simon Mayer“ versus „Rosas danst Rosas“ versus „La Fiesta“

Liebe Susanne Zellinger,

nach der Lektüre des Artikels
„Simon Mayer“ versus „Rosas danst Rosas“ versus „La Fiesta“ ist es mir ein Bedürfnis, ein paar Überlegungen zu teilen.

Zu aller vorderst, mir ist bewusst, dass es sich bei dem Artikel um eine Kolumne handelt, und dass Kolumnen Meinungsbeiträge sind, somit per se vom persönlichen Standpunkt sprechen und nicht der Sachlichkeit einer wissenschaftlichen Abhandlung Genüge leisten sollen. Nichtsdestotrotz handelt es sich bei „Simon Mayer“ versus „Rosas danst Rosas“ versus „La Fiesta“ um eine Kolumne, die die Chefredakteurin der einzigen deutschen Fachzeitschrift für Flamenco verfasst hat, und damit ist sie für mich nicht nur eine Einzelmeinung, sondern auch ein Politikum. Als solches möchte ich sie weiter behandeln; die persönlichen Vorlieben, der persönliche Geschmack sind natürlich so frei wie nicht zu kritisieren.
„Simon Mayer“ versus „Rosas danst Rosas“ versus „La Fiesta“ ist für mich in gewisser Hinsicht symptomatisch für einen großen Teil des Diskurses über Flamenco-Kunst, der so häufig auf persönlichem Geschmack basiert und keine Anstalten macht, darüber hinaus zu gehen. Indem stilistisch die Privatheit der geäußerten Meinung betont wird, bleibt oft unversucht, sich auf einer Ebene abseits der eigenen Vorlieben mit einem Kunstwerk auseinanderzusetzen. Werke werden dahingehend beurteilt, ob sie gefallen, ob sie bestimmte Emotionen hervorrufen, den duende wecken, oder eben nicht, und es sich somit entweder um “gute(...) Flamencoperformances” handelt, oder eben nicht.
Duende. Die im Artikel zitierte Beschreibung des Duende als wissenschaftlich zu bezeichnen, scheint mir schon mit Lesen des ersten Satzes nicht mehr angemessen. Was sind denn diese “guten Flamencoperformances”, von denen hier die Rede ist? Wer entscheidet, was “gute(...) Flamencoperformances” sind? Der Duende selbst? Die Zuschauer*innen und Performer*innen, in die der Duende fährt, also Menschen, die aufgrund einer gewissen emotionalen Disposition durch die aktive oder passive Teilnahme an einer Darbietung auf bestimmte Weise emotional getriggert werden und dieses gemeinschaftliche Erlebnis auf einer metaphysischen Ebene benennen? Dass wir seit jeher nach Worten suchen, solche Erlebnisse zu beschreiben und dabei unser Hang zum Mystischen seinen Ausdruck findet, ist wohl einfach zutiefst menschlich. Dass wir aus diesem höchst subjektiven, emotionalen Erleben einen Parameter ableiten, der die “guten Flamencoperformances” von den schlechten unterscheiden soll, halte ich dagegen für äußerst bedenklich. Wir fordern hier von den Kunstschaffenden und ihren Werken das Hervorrufen einer ganz bestimmten emotionalen Reaktion. Wir wollen so große wie unscharfe Begriffe wie Leidenschaft, Authentizität, “tiefe(..), wahre(...), emotionale(...) Schönheit” erfüllt sehen. Wir wollen vom Kunstwerk auf eine ganz bestimmte Weise ergriffen werden, sonst ist es, so scheint es, qualitativ weniger wert. Lange genug haben wir schon die verschiedensten Kunstrichtungen so bewertet, allen voran vielleicht die Bildende Kunst, und die altbekannten “Das hätte ich auch gekonnt!”-Argumentationen haben vielleicht einen ganz ähnlichen Hintergrund: sind wir nicht ergriffen von der technischen oder emotionalen Gewalt eines Werkes, kann es schlicht kein gutes Kunstwerk sein. Natürlich ist es ein großartiges Gefühl, von einer Performance ergriffen zu werden. Im Flamenco wird diese Ergriffenheit, vielleicht sogar noch mehr als in anderen Kunstrichtungen, zum Maß aller Dinge erhoben, da der Flamenco sich besonders mit den Federn der emotionalen Tiefe und Authentizität zu schmücken gewohnt ist. So ist schon die Art und Weise der Ergriffenheit im Flamenco derart vordefiniert, dass sie, sieht man sie als Messwert für künstlerische Qualität, die Bandbreite der anzuerkennenden künstlerischen Ergebnisse umso massiver beschneidet. Was ist mit einem nüchternen Flamenco, einem forschend operierenden, einem, der sich absichtlich den tradierten Forderungen entzieht? Liegt nicht vielleicht gerade in der Abkopplung von emotionalen Erwartungshaltungen die Ergebnisoffenheit, die künstlerische Forschung und Weiterentwicklung möglich macht?
In der Betrachtung des Flamenco als einer zeitgenössischen Kunstform, treten wir meiner Meinung nach auf der Stelle, solange wir uns nicht einem gewissen Paradigmenwechsel unterziehen. Worin könnte dieser bestehen? Im Versuch, neben Äußerung des individuellen Geschmacks nach Gründen für emotionale Reaktionen bei sich und im Kunstwerk zu suchen und diese zu unterscheiden gemäß ihrer Privatheit und ihres Belangs im Rahmen der kunstkritischen Diskussion. In einer grundsätzlich noch deutlicheren Unterscheidung zwischen Privatgeschmack (in all seiner Daseinsberechtigung) und einer kunstkritischen Bewertung eines Werkes. In einem analytischen Interesse an Kunstwerken im Flamenco. Vielleicht würde dies zu einem weiter gefächerten Interesse an der Forschungstätigkeit und den Entwicklungsprozessen von Flamenco-Künstler*innen führen, einem Interesse explizit an der Vielschichtigkeit der heutigen Kunstform. Vielleicht würde es zur Anerkennung der Notwendigkeit führen, sich tiefer hineinzudenken und -fühlen in künstlerische Ausdrucksweisen und Inhalte, gerade aufgrund von Andersartigkeit, gerade weil die Identifikation schwerfällt. Wie auch immer ein solcher Paradigmenwechsel letztlich aussehen könnte, das Entscheidende an ihm ist meiner Meinung nach die Offenheit, die er lehren kann. Eine Offenheit im Angesicht der eigenen Ratlosigkeit, wie etwas zu beschreiben ist, das zunächst vielleicht nur als vages Bauchgefühl von “Ich mag.” oder “Ich mag nicht.” wahrnehmbar ist und für das noch kein breitgefächerter Katalog an Analyseparametern zur Verfügung steht. Eine Offenheit, den eigenen Blick auf eine Kunstform zu hinterfragen, die sich gerade auf das Stärkste selbst überdenkt und weiterentwickelt. Eine Offenheit gegenüber der Diversität in Prozessen und Ergebnissen des Kunstschaffens im Flamenco, gegenüber einer nicht zu hierarchisierenden Vielfalt an Möglichkeiten der Weiterentwicklung dieser Kunstform.

Diese Offenheit fehlt mir an Artikeln wie „Simon Mayer“ versus „Rosas danst Rosas“ versus „La Fiesta“. Natürlich hätte ich eine Menge andere Artikel auswählen können und werde noch viele ähnliche finden, die in diesem Punkt zu kritisieren ich lohnenswert fände. Und natürlich ist das Spiel ‘Kunstkritiker*innen kritisieren Kunst und Künstler*innen kritisieren Kunstkritik’ ein uraltes. Dennoch, ich vermisse die beschriebene Offenheit grundlegend und hoffe, mit diesem Brief vielleicht eine Auseinandersetzung anzustoßen. Flamenco ist ja schließlich was Besonderes, sagt er, und vielleicht findet das traditionelle, einzigartige Wechselspiel zwischen Performer*innen und Rezipient*innenen im heutigen kritischen Diskurs über diese Kunstform ihre Entsprechung.

Ich freue mich auf Auseinandersetzungen.
Vera Köppern